Triebnietmaschine, Zeigersetzer, Pressen und ähnliche Vorrichtungen in der Uhrmacherwerkstatt
In der Uhrmacherwerkstatt gibt es verschiedenste Pressvorrichtungen mit unterschiedlichen Funktionen. Ihrem Aufbau liegt jedoch ein ähnliches Funktionsprinzip zugrunde: Unten befindet sich eine Auflage für das Werkstück, oben ein Pressstempel, der für einen bestimmten Arbeitsschritt vorgesehen ist. Form und Größe der Einsätze und Stempel unterscheiden sich kaum, jedoch ist die Befestigungsart der Stempel bei jeder Presse leider unterschiedlich. Bei Steinpressen haben die Aufnahmen in der Regel einen Durchmesser von 4 mm, während bei einer Triebnietmaschine die Punzen einen Durchmesser von 4,7 mm haben. Daher benötigt jede Presse einen passenden Satz an Stempeln. Den umfangreichsten und vielseitigsten Satz an Punzen bietet die Boley-Potance.
Erfolgreiches Arbeiten hängt vom guten Zustand der Punzen und Stempel ab. Sie müssen präzise geschliffen sein und sorgfältig behandelt werden.
Ich besitze zwei identische Boley-Triebnietmaschinen. Eine verwende ich ausschließlich für Pressarbeiten, die andere für gröbere Arbeiten.
Zunächst möchte ich auf die gebräuchlicheren Geräte sowie auf deren – aus meiner Sicht – Stärken und Schwächen eingehen.
BOLEY Triebnietmaschine mit Steinpressvorrichtung
SEITZ Steinpressgerät
HORIA Steinpressgerät mit Mikrometerschraube
HORIA Zeigeraufsetzvorrichtung
BERGEON PLATAX Kombiniertes Werkzeug zum Austreiben der Doppelrolle und der Unruhwelle
BOLEY Triebnietmaschine mit Steinpressvorrichtung
Die Potance mit Steinpressvorrichtung besteht aus einem unteren Sockel und einem oberen Teil in Form eines Tisches mit darüber schwenkbarem Halter, der eine Öffnung für die Mikrometerschraube und die Punzen besitzt. Auf dem Tisch befindet sich eine perforierte Stahlscheibe. Zusätzlich gibt es einen Hebelgriff zum Pressen.
Dieses Gerät ist vielseitig einsetzbar, beispielsweise zum Aufpressen von Rädern auf Triebe. Dabei wird der Sitz auf dem Trieb leicht verstemmt, sodass ein Verdrehen des Rades auf dem Trieb verhindert wird. Mit diesem Gerät lassen sich auch andere Teile eines Uhrwerks – wie Buchsen, Wellen oder Steine – präzise und sauber auf- oder abpressen. Ebenso können feine Arbeiten wie Nieten oder Bördeln ausgeführt werden.
Je nach Größe und Form der Teile stehen verschiedene Punzen, Stempel, Auflagen und Ambosse zur Verfügung. Die Punzen können die Form eines Meißels, Durchschlags oder Körners haben.
Die unterschiedlichen Punzen ermöglichen das Einsetzen von Funktionssteinen oder Buchsen. Die Steinpressvorrichtung verfügt über eine Mikrometerschraube, mit der die Presstiefe eingestellt wird. Der Erfolg der Arbeit hängt vom guten Zustand der Punzen ab. Sie müssen exakt geschliffen sein und sorgfältig behandelt werden.
Vorteile:
+ große Auswahl an Punzen in verschiedenen Formen und Größen
+ Presshebel vorhanden
+ Mikrometerschraube mit 0,01 mm Genauigkeit
+ schwerer und stabiler Sockel
+ erhöhte Arbeitsposition
+ präzise und stabile Konstruktion
+ komfortable Handhabung
+ verschiedene Stempel, Auflagen und Ambosse verfügbar
Nachteile:
- kein System zur Regulierung des Anpressdrucks der Mutter, das die Genauigkeit des Mikrometers beeinflusst
- kein Feststellgriff für das Mikrometer
SEITZ Steineinpresse
Die Steineinpresse besteht aus einem Tisch mit darüber gekrümten Halter, an dem ein Presshebel befestigt ist. Zum Gerät gehören etwa 60 verschiedene Stempel und Einsätze. Das Gerät wurde in den 1950–60er Jahren in der Schweiz hergestellt.
HORIA Steineinpressapparat mit Mikrometerschraube
Er besteht aus einem Tisch mit vertikalem Halter, an dem sich eine Pressvorrichtung mit Mikrometerschraube befindet.
Mit Hilfe der Mikrometerschraube werden die Steine auf die gewünschte Tiefe eingepresst.
Vorteile:
Nachteile:
- Genauigkeit des Mikrometers 0,02 mm
- kein Presshebel vorhanden
- es können nur passende Stempel und Auflagen verwendet werden
- geringe Auswahl an Stempeln
HORIA Pressstock zum Zeigersetzen
HORIA ist ein unter Uhrmachern verbreitetes Gerät zum Aufsetzen bzw. Aufpressen von Zeigern und anderen Uhrenteilen.
Die Vorrichtung besteht aus einem Tisch mit vertikalem Halter, an dem sich zwei bis vier Pressvorrichtungen befinden.
Mit einer Mikrometermutter kann die gewünschte Einpresstiefe eingestellt werden.
Vorteile:
Nachteile:
- es können nur passende Stempel und Auflagen verwendet werden
- geringe Auswahl an Stempeln
BERGEON PLATAX Kombiniertes Hebelscheiben- (Plateau) und Unruhwelleausschläger
Bergeon bietet ein kombiniertes Werkzeug zum Abziehen der Doppelrolle und der Unruhwelle an, genannt Platax. Dieses Werkzeug vereint zwei Arbeitsgänge und ist im Grunde zwei verschiedene Geräte in einem.
Im Lieferumfang enthalten sind jedoch nur:
1 Zentrierpunze
3 Ausschlagpunzen mit Bohrung 0,10 mm; 0,15 mm; 0,20 mm
3 Hülsen mit Fuss und Bohrung 0,90 mm; 1,10 mm; 1,40 mm
1 Reduzierbuchse
Die Punzen haben einen Außendurchmesser von 3 mm; Punzen einer Potance mit 4,7 mm Durchmesser sind damit nicht kompatibel.
Vorteile:
+ zwei Arbeitsgänge möglich
Nachteile:
- geringe Auswahl an Punzen
- kein Presshebel vorhanden
Einpressen von Gläsern
Zum Einsetzen von Uhrgläsern wird beispielsweise eine größere Presse verwendet als die oben beschriebenen Geräte.
Presse Jaggi, Perrin & Cie Machines, Bienne
Presse Jaggi, Perrin & Cie Machines, Bienne
Die Presse Jaggi ist sehr stabil ausgeführt und kann zudem mit einer Schraube am Tisch befestigt werden. Die oberen und unteren Einsätze sind austauschbar. Damit Standard-Pressstempel von Bergeon verwendet werden können, habe ich ein entsprechendes Adapterteil angefertigt.
Vorteile:
+ schwer und stabil
+ sehr fein dosierbare Presskraft
+ präzise Führungen
Nachteile:
meiner Ansicht nach keine
Eigenes Projekt
Oben wurden verschiedene Geräte für Pressarbeiten vorgestellt. Die Doppelrolle kann auch mit einem Plateau-Abschläger in Zangenform 2810, einem Plateau-Abschläger in Punzenform 30070 oder mit dem Platax 2677 entfernt werden. Zum Auspressen der Unruhwelle verwendet man Unruhmax oder eine Potance. Meiner Ansicht nach hat jedoch jedes dieser Geräte gewisse Schwächen. Der größte Nachteil ist vermutlich, dass für jeden Arbeitsgang ein eigenes Gerät erforderlich ist.
Daher kam mir die Idee, eine Zusatzvorrichtung für eines dieser Pressgeräte zu entwickeln, die sich universell für alle auf dem Pressprinzip beruhenden Arbeitsgänge einsetzen lässt. Zu diesem Zweck wählte ich die BOLEY-Potance. Ausschlaggebend waren folgende Vorteile:
Vorteile:
+ große Auswahl an Punzen in Form und Größe
+ Presshebel vorhanden
+ Mikrometerschraube
+ schwerer und stabiler Sockel
+ erhöhte Arbeitsposition
+ präzise und stabile Konstruktion
+ komfortable Handhabung
+ verschiedene Stempel, Auflagen und Ambosse vorhanden
Tatsächlich bietet sie zahlreiche Vorteile. Um beispielsweise einen Trieb sauber aus einem Rad zu entfernen, benötigt man geeignete Punzen – und diese sind bei der Potance in großer Auswahl vorhanden.
Den anspruchsvollen Vorgang des Auspressens einer Unruhwelle oder eines Triebes kann man direkt mit der Hand spüren und kontrollieren, wenn man den Hebel der Steinpressvorrichtung der Boley-Potance verwendet. Dabei müssen Unruh oder Rad stabil zwischen der perforierten Stahlscheibe und dem Haltefuß fixiert sein. So lässt sich vermeiden, dass sich die Speichen der Unruh verbiegen.
Zudem besitzt die BOLEY Triebnietmaschine mit Steinpressvorrichtung einen relativ schweren und stabilen Sockel. Auch das erhöhte Arbeitsniveau bei BOLEY ist angenehm.
Ein Nachteil besteht darin, dass die perforierte Stahlscheibe und die Punzen gebrauchter Geräte häufig beschädigt sind.
Aus all diesen Überlegungen heraus habe ich eine Zusatzvorrichtung für dieses Boley-Gerät entwickelt, die es noch universeller macht.
Es wurde ein runder Einsatz entwickelt und modifiziert, der – ähnlich wie beim PLATAX – zum Abziehen der Doppelrolle und der Unruhwelle dient. Der Platz für die eingesetzte Unruh wurde vergrößert; ihr maximaler Durchmesser kann nun bis zu 24 mm betragen. Dieser Einsatz besitzt einen Griff, mit dem die perforierte Scheibe fixiert wird. Auch ihr Durchmesser wurde auf 45 mm vergrößert. Die Anzahl der Kanäle (von 1 bis 2 mm) und Bohrungen (von 0,6 bis 2,8 mm) wurde von 10 auf 12 erhöht.
Dank der großen Auswahl an Punzen lassen sich diese nicht nur zum Auspressen der Unruhwelle oder eines Triebes, sondern für verschiedenste Aufgaben einsetzen. Hier kann der Uhrmacher seine ganze Erfindungsgabe nutzen, um neue Anwendungsmöglichkeiten für diese Vorrichtung in der Potance zu entwickeln.
Dies ist vollständig mein eigenes neues Projekt, und später werde ich einen ausführlichen Bericht über dessen Umsetzung vorstellen!
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Alexander Babel ist ein Autodidakt als Konstrukteur, Ingenieur, Feinmechaniker, Werkzeugmacher, Uhrmacher und Goldschmied.